Arbeit im Fischgroßhandel

Bericht eines Insiders

Arbeit im Fischgroßhandel - oder wenn Fische schreien könnten !!!

Ich schreibe hier über meine Erfahrung als Arbeiter im Fischgroßhandel. Den Namen des Betriebes werde ich nicht nennen, da ich kein Interesse an einer Verleumdungsklage habe.

Nur soviel der Betrieb ist in der Nähe zu Winsen/Luhe beheimatet sehr groß und hatte bis vor kurzem noch einen Standort am Hamburger Fischmarkt.

In fing im letzten September des Jahr 2013, in diesem Fischgroßhandel als Kommisionierer an zuarbeiten. Ein Kommissionierer ist jemand der die bestellten Fische versandfertig macht und verpackt. Da die Arbeit nicht nur aus dem Kommissionieren der Fische bestand, sondern man eigentlich überall eingesetzt wurde, konnte ich mir einen guten Eindruck über den gesamten Betrieb verschaffen.

Meine Arbeitszeit begann morgens um Vier Uhr, das bedeutete Aufstehen um halb Drei. Das ist schon eine harte Nummer wenn man es nicht gewohnt ist. Glücklicherweise bin ich Frühaufsteher und da war es nicht ganz so schlimm. Kurz vor Vier wurde an der Stempeluhr eingeloggt. Als erstens begann meine Arbeit damit, die eingelagerten Fische aus den Kühlhäusern in die große Halle zu schieben. Die Halle hatte so ungefähr die Größe von 100 m2. Die Paletten mussten alle an der richtigen Stelle stehen, damit man seine Fische im Stress auch wieder findet.

Gegenüber vom Verpackungstisch auf dem sich die Waage befindet, der Lachs in verschiedenen Gewichts Sortierungen, 2-3 kg, 3-4 kg, 4-5 kg und 5-6 kg das Stück. Daneben die Seefische wie Seelachs, Kabeljau, Schollenfilet, ganze Schollen und andere Sorten. Links außen, die Muscheln und Austern. Hinten rechts die so genannte Italienische Ware, das waren Pulpo, Calamari, Calamaretti, Sardellen und Sardinen und andere.

Diese Ware wurde extra ein wenig abseits gestellt, da sie entweder noch gefroren war oder schon ein wenig stank. Italienische Ware wurde relativ wenig verkauft, war aber immer in großen Mengen vorhanden. Das bedeutete, das man diese Sachen kurz vor Feierabend eingefroren hat, um sie dann wiederum auf zu tauen, nur irgendwann geht das nicht mehr.

Der Spruch aller Mitarbeiter dort lautete: Iss nur den Fisch den du selbst gefangen hast. Was das bedeutet muss ich ja wohl keinem erklären.

Die Frische der ganzen Fische wurde nach Blick in Augen und Kiemen des Fisches beurteilt. Bei Fischfilets wurde mit der Nase daran gerochen. War ein Mitarbeiter erkältet und sein Geruchssinn eingeschränkt war, wurde dann, ein anderer Mitarbeiter zu gezogen. Ich will nicht damit behaupten, dass nur verdorbener oder schlechter Fisch verkauft wurde, nur wurde mit zweierlei Maß Fisch verkauft. Einige Fische waren eben frischer als andere.

Wie der Fischhändler bei Asterix und Obelix Ich habe nur frischen Fisch.

Spitzenrestaurants bekamen den besten Fisch, die Topware. Bei anderen Kunden, war es oft hart an der Grenze. Ich erinnere mich als ich eine Bestellung über frischem Steinbutt hatte. Nach dem Blick in die Kiemen, die nicht mehr rot oder ansatzweise rosa waren, sonder mehr als grau wurde mir angeordnet diese doch wieder mit Karpfenblut aufzufrischen.

Karpfenblut weil Karpfen gerade geschlachtet wurde. Frischfische wie Hechte oder Zander wurden teilweise solange bei Nichtverkauf gelagert bis kurz vor dem Verfall. Meistens wurden sie dann doch noch zu Filet verarbeit. Bei Fischen, die per Kühlwagen aus dem Ausland kommen, wie Doraden oder Loup de mer (Griechenland), wurde das Haltbarkeitsdatum des Versenders entfernt um dann wiederum sieben Tage Haltbarkeit beim Verkauf zugeben.

Alle Fische die ausgeliefert wurden bekamen 7 Tage Haltbarkeit. Wurde der Fisch nicht verkauft, wird das Datum natürlich nach vorn versetzt. Ich weiß gar nicht mehr bei vielen Fischkartons, ich die Haltbarkeitsdaten abreißen musste. Oftmals auch die Herkunft, es wurden auch Fisch an andere Großhändler verkauft oder von anderen dazu gekauft.

Diese Großhändler wollten Deutsche Forellen und bekamen eben Dänische oder umgekehrt.

Fische die gar nicht mehr verkauft wurden, sind doch irgendwann in den Palasch gekommen. Der Palasch ist der Abfall (Fischreste), der beim Schlachten bzw. Filetieren entsteht. Köpfe, Gräten, Innereien, es sei denn die Fische wurden an fliegende Händler verkauft, die nicht danach gefragt haben ob der Fisch noch gut sei. Es gab für diesen speziellen Fisch einen extra Tieffrostcontainer, der abseits vom Geschehen steht. Hier wird Fisch gelagert, der nicht mehr regulär verkauft werden kann. Dieser Fisch wird dann in der Regel geräuchert oder als Backfisch auf Märkten verkauft.

Dem Räucherfisch oder Backfisch sieht man dann nicht mehr an, wie alt er in Wirklichkeit ist.

Die Palaschbehälter standen übrigens in dem Kühlhaus in dem auch der Fisch eingelagert ist. Man kann sich das gar nicht vorstellen, was das für ein Gestank ist, der einem beim Eintritt ins Kühlhaus entgegen schlägt, das ist nichts für schwache Gemüter

Fast Täglich kamen LKWs aus ganz Europa und haben lebenden Fisch geliefert. Aale aus Italien, Forellen aus Dänemark und Karpfen aus dem ehemaligen Ostblock.

Die LKWs wurden vor der Freihalle ausgeladen. Das Ausladen gestaltet sich folgendermaßen. Die Fische kommen vom LKW über eine Rutsche auf einen großen Sortiertisch. Dieser Tisch hat am Ende zwei Ausgänge. An jedem Ausgang steht ein Mitarbeiter mit einer Schubkarre. Diese Schubkarren sind keine normalen Schubkarren, sonder tiefer, damit die Fische dort nicht so schnell wieder raus springen können. Gerade im Winter wenn die Temperaturunterschiede zwischen dem Transportwasser und der Außentemperatur groß sind, steht der Fisch unter besonders viel Stress.

Das Wasser im Fass ist zwar kalt, kurz vor dem Gefrierpunkt, aber der Fisch muss diesen Temperaturunterschied erst einmal verkraften. Dazu kommt noch der Stress des Entladens. Die Fische rutschen ja nicht sanft auf den Sortiertisch, sondern knallen mit aller Gewalt auf diesen. Mit der Schubkarre geht der Arbeiter dann auf die Waage und die Schubkarre wird gewogen. Abzüglich der Schubkarre hat man so das Gewicht der Fischmenge. In einer Karre sind nicht selten an die 100 kg Fisch.

Wenn der Fisch jetzt den Sortiertisch und die Schubkarre überstanden hat, kommt er in die Bassins. Diese Bassins haben natürlich wieder eine andere Wassertemperatur. Es gab Netzgehege im Freien und gemauerte Bassins in der Halle. Die Fische, die beim Auskippen der Karre daneben fielen, landeten dann im großen Teich. Dort hatten sie dann die Chance zu überleben, da dieser Teich nie leer gefischt wurde. Da die Fische in dem Teich aber nicht gefüttert wurden, stand ihnen ein langsamer Hungertot bevor. Die Fische die in die gemauerten Bassins kamen wurden regelmäßig leer gefischt. Allerdings werden auch hier Fische übersehen, die dann natürlich total abmagern.

Von diesen Bassins kommt der Fisch dann zum Schlachtraum. Je nachdem wie viel Fisch gerade benötigt wird, kommt der Fisch vom Bassin zum schlachten.Das ganze läuft denn so ab. Der Mitarbeiter in der Außenhalle bekommt den Auftrag zB. 200 kg Forellen 300-400 Gramm für die Schlachtung bereit zu stellen. Die Fische kommen jetzt aus dem Bassin, wieder rum in die Schubkarre und werden zur Tötung geschoben. Es gibt eine Maschine in der die Fische elektrisch getötet werden.

Das langsame Sterben der Fische !

Die Fische werden aber nicht SOFORT in die Maschine gepackt, sonder zuerst in große Wannen gekippt, wo sie in der Regel erst einmal verweilen.

Das Wort verweilen klingt sehr nett ist aber nicht nett. Die Fische sind jetzt ohne Sauerstoff und müssen oft elendig verrecken. Nach dem die Fische sich beruhigt - haben kommen sie in die Tötungsmaschine. Forellen und Salmoniden haben es noch relativ gut, da sie durch den akuten Sauerstoffmangel ja schon das Zeitliche gesegnet haben oder kurz davor sind.

Karpfen, Karauschen oder Zyprieniden im Allgemeinen sind wesentlich Widerstandsfähiger und überleben diese Tortur oftmals.

Diese Strom-Tötungsmaschine leitet den Strom durch das Wasser und den Schleim des Fisches, von Fisch zu Fisch. Wenn der Fisch aber schon eine ganze Weile zur Beruhigung in den Kisten gezappelt hat, hat sich der Schleim oftmals schon aufgelöst und ist somit kaum noch vorhanden.

Gerade zu Stoßzeiten wie Weihnachten oder Ostern werden auf diese Weise, viele Fische lebendig geschlachtet. Dem Schlachter ist es total egal, weil er komplett abgestumpft ist und dem Chef auch weil er Umsatz machen muss und will. Der Tierschutz hat hier keine Chance, der Fisch wird nicht als lebendiges Wesen gesehen, sondern nur als Sache um Geld zu verdienen. Dazu kommt noch, das gerade zu Weihnachten wo man am Tag 12-16 Stunden arbeitet und das an 7 Tagen in der Woche.

Wenn Sie einen Seemann fragen, was für ihn das Wichtige ist, dann sagt er ihnen, Overtimes.

Auch in der Fischindustrie oder dem Fischgroßhandel werden zu Weihnachten oder Ostern Osteuropäische Arbeiter besorgt, denen es nur darum geht in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen. Wie diese oft unqualifizierten Mitarbeiter, die oftmals vorher nicht das Geringste mit Fisch zu tun hatten, bezahlt oder untergebracht werden kann ich nicht beurteilen. Dazu kommen noch die Verständigungsschwierigkeiten, denn fast keiner von ihnen spricht Deutsch oder Englisch.

Ich erinnere an eine Fall als frischer Stör geordert wurde. Diese Störe wurden im Kescher vom Bassin zum Schlachtraum gebracht, einmal kurz vom Schlachter auf den Kopf geschlagen und dann zerschnitten.

Gerade diejenigen, die etwas von Fisch verstehen wissen, dass der Stör ein Knochenfisch mit Panzerung ist und nicht mit einem Schlag betäubt ist.

WENN FISCHE SCHREIEN KÖNNTEN !!!

Ein guter Filetierer nimmt den Fisch nicht erst aus, sondern filetiert in direkt, dafür sollte er aber TOT sein und wir hatten einen guten Filetierer. Das war übrigens der einzige der Deutsch gesprochen hat. Aber das ist leider Alltag, zumindest in diesem Fischgroßhandel.

Nicht geschlachtete Fische wie Karpfen oder Karauschen die im Ganzen verkauft wurden (das nennt man rund), wurden in Eis gepackt und haben noch lange nach Luft geschnappt. Nach einem langen Arbeitstag wurde dann doch irgendwann dann doch einmal Feierabend gemacht. Die nicht verkauften Fische wurden wieder ins Kühlhaus gefahren und der Palaschbehälter wurde wieder ein wenig voller.

Nachdem der Müll weggeräumt war (Kartonagen, Plastikverpackungen usw.) wurde sauber gemacht. Sauber machen hieß hier, mit dem Dampfstrahler den Fußboden und die Hautabziehmaschine sauber zu strahlen. Das soll ja eigentlich mit heißem Wasser geschehen, nur wenn an 2 Stellen gleichzeitig gestrahlt wurde kam natürlich nach kurzer Zeit nur noch kaltes Wasser.

Reinigungsmittel wie Eiweisslöser wurden relativ wenig verarbeitet, einerseits weil man einfach zu kaputt war, noch den Fußboden mit der Hand zu schrubben ( bedeutet Mehrarbeit) und andererseits weil oft genug wurde betont wie teuer doch diese Mittel seien.

Von Mitte Dezember bis Ende Dezember wurde dieses Reinigungsmittel so gut wie gar nicht benutzt. Die weiße Arbeitskleidung der Saisonkräfte, war oft dermaßen verdreckt, dass einem schon vom Anblick schlecht werden konnte. Einerseits weil nicht genug saubere Wäsche vorhanden war und andererseits weil keine Kontrolle des Arbeitgebers statt gefunden hat.

Also ich habe diesen Job vier Monate inklusive Weihnachtszeit durchgehalten. Dann wurde ich aus wirtschaftlichen Gründen wieder entlassen. Man könnte jetzt den Eindruck gewinnen, ich schreibe diesen Bericht um mich an irgend jemandem zu rächen, das ist aber nicht richtig. Ich habe nur den Wunsch, das es in Zukunft nicht mehr an der Tagesordnung ist Tiere so zu quälen und etwas mehr Qualität und Sauberkeit in den Bereich Fischgroßhandel zu bringen.

Ich persönlich esse nur noch Fisch von dem ich genau weiß, das er zu 100% Frisch ist, entweder selbst gefangen, vom Fangschiff im schock gefrorenen Zustand oder direkt vom Kutter.

Ich habe trotz meines Berichtes eine große Achtung vor den Menschen die in dieser harten Brache arbeiten. Das ist kein Job, den man einfach mal so nebenbei macht, das kostet die ganze Kraft die ein Mensch bei der Arbeit aufbringen kann.

Kleines Fazit zum Schluss:

Trotz aller Missstände, die ich kennen gelernt habe, hat mich dieser Job voll ausgefüllt. Unter anderen Voraussetzungen wie Tierschutz und Hygiene bin ich gerne bereit diesen Beruf wieder auszuüben. Nur würde ich mir Kontrollen der zuständigen Ämter wünschen. Wir schimpfen immer über die katastrophalen Missstände im Ausland, sollten aber erstmal vor der eigenen Haustür kehren.

PS. Ich habe diese Woche mit einem Freund gesprochen, der auch in dieser Firma gearbeitet hat. Als er meinen Bericht las, fragte er mich, ob ich Lustigwasser kenne, was ich verneinte. Er erzählte mir darauf hin, dass es auf dem Fischmarkt (Hamburg-gleiche Firma) üblich war, lebendige Aale mit Salmiak zu übergießen um den Aal zu entschleimen.

Das Salmiak extrem ätzend ist, muss ich nicht extra betonen. Das Wort Lustigwasser kam daher, das der Chef es sehr lustig fand, wenn die Aale vor Schmerzen getobt haben. Salmiak wird tatsächlich zum Entschleimen der Aale eingesetzt, aber normaler Weise natürlich im toten Zustand der Tiere.

Jetzt steht Ostern vor der Tür und Ostern ist geschäftlich wie Weihnachten, die Armen Tiere.

Ich habe mir letztens in den Finger geschnitten und es musste genäht werden, allerdings mit Betäubung.

Rüdiger Großmann Fischwirt und ehemaliger Fischkommisonierer
Website: www.Fischundzucht.de

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