Wann wird Tierzucht zur "Qualzucht"?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist im Hinblick auf 11b des Tierschutzgesetzes das zulässige Maß an züchterischer Freiheit überschritten, wenn Organe, Körperteile oder Verhalten bei Individuen der betroffenen Rasse im Vergleich zu anderen Zuchtformen der gleichen Art in ihren Grundfunktionen behindert sind. In diese Betrachtung ist auch die Fähigkeit zur artgemäßen Fortpflanzung einzubeziehen. In diesem Zusammenhang muss außerdem darauf hingewiesen werden, dass 11b nicht auf Tiere, sondern auf deren "Nachzucht" abzielt. Damit werden vom Tierschutzgesetz nicht nur Zuchtdefekte erfasst, die erst beim lebenden Tier ihre schädigende Wirkung offenbaren, sondern u. a. auch solche, die totgeborene bzw. schlupfunfähige Jungtiere bewirken.

Konsequenzen für Tierzüchter, Konsumenten und Tier

Als Konsequenz für die mit der Zucht von Haustieren befassten Zuchtverbände lässt sich ableiten, dass die Zuchtziele bezüglich ihrer Tierschutzrelevanz unabhängig von weiterführenden wissenschaftlichen Untersuchungen einer selbstkritischen Analyse unterzogen werden müssen. Neben zuchtverbandsinternen Maßnahmen ist seitens der Tierschutzverbände weiterhin Druck auf die Politik gefordert.

Die extreme Rundköpfigkeit "moderner" Perserkatzen führt bei den Tieren zu gesundheitlichen Problemen. Oft leiden sie unter verklebten Augen, weil der Abfluss der Tränenflüssigkeit behindert ist.

Die Verfassungsänderung in Artikel 20a GG sollte hierfür die Ausgangslage bilden und zu konkreten Veränderungen in der Rechtssprechung führen.

Leider fördert aber eine Einstellung zum Tier und seinen Bedürfnissen, die landwirtschaftliche Nutztiere zu reinen Rohstofflieferanten und Heim- und Hobbytiere zu "Sportartikeln" oder willkürlich formbaren "Kunstwerken" degradiert, die Etablierung von Erbdefekten und Extremzüchtungen. Gesundheit, Wohlbefinden und tiergerechtes Leben werden "ästhetischen" Vorstellungen oder einem übertriebenem Leistungsdenken untergeordnet. Daher muss auch der mit der Tierzucht und ihren "Endresultaten" befasste Personenkreis (und zwar Konsumenten tierischer Nahrungsmittel und Tierliebhaber gleichermaßen) für das Problem der "Qual"-, Defekt- und Extremzüchtungen bei Nutz- und Heimtieren sensibilisiert werden. Darüber hinaus ist der Gesetzgeber gefordert, den verfassungsrechtlich festgeschriebenen Schutz der Tiere auch konkret umzusetzen.

Erfreulicherweise hat das Verwaltungsgericht Gießen am 14. April 2003 diese Grundgesetzänderung bei der Urteilsfindung gegen einen Züchter miteinbezogen und ihm die Zucht von Haubenenten verboten.

"Tierschutz orientiert sich nämlich nicht an den Wünschen der Züchter oder der Bevölkerung, sondern daran, dass auch tierisches Leben nur in solchen Formen durch Menschenhand hervorgebracht oder beeinflusst wird, dass es lebenswert und frei von angezüchteten Leiden oder Qualen ist." Dies, so das Gericht, müsse der Züchter gegen sich gelten lassen.

Diesen Worten möchten wir nichts hinzufügen. Für echte Tierfreunde muss es schließlich auch nicht unbedingt ein Rassetier sein, oder? Bitte denken Sie bei der Anschaffung eines Hausgenossen auch an die vielen Tiere in den Tierheimen, die ein neues Zuhause suchen.

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